Tag04„Fingieren wir, um all diese Unterscheidungen an einem Beispiel klarzumachen, einen jungen Menschen, der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und – statt sich damit zufrieden zu geben, daß er sich der Enge und dem Zwang dieser Verhältnisse „anpaßte“ – der Umwelt seinen persönlichen Willen aufzwingt und sein Leben derart gestaltet, daß er etwa studieren kann, um einen gehobenen Beruf zu ergreifen. Nehmen wir weiter an, er würde einer Eignung und Neigung folgend Medizin studieren und Arzt werden, würde dann die Chance erhalten, das verlockende Angebot einer finanziell lukrativen Stellung anzunehmen, die ihm zugleich eine Nobelpraxis gewährt, so könnte er sein Leben meistern und zu einem äußerlich reichen Dasein gestalten. Nehmen wir nun aber auch an, daß die Begabung dieses Mannes auf einem Spezialgebiet seines Faches gelegen wäre, zu dem ihm jene Stellung keinen Zugang bietet – dann wäre trotz der geglückten äußeren Lebensgestaltung die innere Erfüllung diesem Leben versagt geblieben. Noch so wohlhabend, noch so scheinbar glücklich, inmitten eines nach Gutdünken ausgestatteten Heimes, im eigenen Haus, mit kostbarem Luxuswagen und kostspieligen Allüren, müßte dieser Mensch sobald er gelegentlich zu einer tieferen Besinnung kommt, sein Leben irgendwie für verfehlt erachten, müßte er, etwa konfrontiert mit der Gestalt eines anderen Menschen, der unter Verzicht auf äußeren Reichtum und viele Annehmlichkeiten des Lebens seiner eigentlichen Bestimmung treu geblieben ist, mit den Worten Hebbels sich eingestehen: „Der ich bin, grüßt traurig den, der ich hätte sein können.“aus: Frankl, V.E. (2022): Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. 11. Auflage 2022. Dtv. München, S. 34. |